Definition der Beschaffung
1. Beschaffung im weiteren Sinn
Unter Beschaffung im weiteren Sinn versteht man alle Maßnahmen zur Versorgung des Unternehmens mit jenen Produktionsfaktoren, die nicht selbst erstellt werden (inklusive Betriebsmittel, Personal, Information und Kapital).
2. Beschaffung im engeren Sinn
Umfasst alle Maßnahmen zur Versorgung des Unternehmens mit Materialien (Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, Zulieferteile), Handelswaren, Ersatzteile und Dienstleistungen.
Veranschaulichung (Fahrradbeispiel)
Materialien im Detail:
- Rohstoffe: Hauptbestandteil des Produkts (z. B. Carbon, Aluminium beim Fahrrad)
- Hilfsstoffe: Nebenbestandteil des Produkts (z. B. Öl, Schrauben, Farbe)
- Betriebsstoffe: Für den laufenden Betrieb benötigt, gehen nicht ins Produkt ein (z. B. Strom, Schmiermittel)
- Zulieferteile: Fremdbestandteil (z. B. Bremsen, Schaltung)
Differenzierung Einkauf ↔ Logistik
Das PDF trennt die Aufgaben in der Materialwirtschaft exakt zwischen den strategischen/kommerziellen Funktionen (Einkauf) und den operativen/flussorientierten Funktionen (Logistik):
| Einkauf (Strategisch & Kommerziell) |
Logistik (Operativ & Flussbezogen) |
- Strategische Beschaffungsplanung
- Beschaffungsmarktforschung
- Lieferantenauswahl / -bewertung
- Beschaffungsrechnung
- Kapazitätsplanung
- Beschaffungsanbahnung
- Preis- und Wertanalyse
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- Bedarfsprognose
- Transportlogistik
- Bestellabrufe
- Bestellüberwachung
- Warenannahme (Überprüfung)
- Retourenmanagement
- Einlagerung & Lagerverwaltung
- Innerbetrieblicher Transport
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Die Hebelwirkung der Beschaffung (Mathematischer Nachweis)
Kernprinzip: Die Beschaffung hat über die Materialkosten eine sofortige Hebelwirkung auf den Gewinn. Kostensenkungen im Einkauf wirken direkt 1:1 auf das Ergebnis (Self-funding / Gewinnzuwachs)!
Rechenweg 1: Dreisatz (3-Satz)
Ausgangslage im Beispiel:
- Umsatz = 1.000 € (100 %)
- Materialkosten = 500 € (50 %)
- Gewinn = 50 € (5 %)
- Sonstige Betriebsausgaben (SBA) = 450 € (45 %)
Szenario: Wir reduzieren 3 % vom Materialanteil (50 %):
50 % - (3 % von 50 %) = 50 % - 1,5 % = 48,5 %
Materialkosten sinken von 500 € auf 485 € (-15 €)
Da die 15 € (1,5 % am Umsatz) direkt auf den Gewinn gehen:
- Neuer Gewinn = 50 € + 15 € = 65 € (6,5 % vom Umsatz)
- Gewinnsteigerung in %: 65 € = 130 % vom alten Gewinn → +30 % Gewinnsteigerung!
Vergleich mit Mehrabsatz: Um denselben Gewinn von 65 € bei 5 % Umsatzrendite rein über mehr Verkauf zu erzielen, bräuchte man 30 % mehr Absatz (1.000 € · 1,30 = 1.300 €, davon 5 % = 65 €).
Rechenweg 2: Die Direktüber-Formel
Beispiel:
50 % · 3 %5 % =
0,50 · 0,030,05 =
0,0150,05 =
0,3 = 30 % Gewinnsteigerung
Übungsaufgabe (Seite 3/4)
Unternehmen mit 300 Mio. € Umsatz, 50 % Materialanteil (150 Mio. €) und 3 % Umsatzrentabilität (9 Mio. € Gewinn). Materialkostensenkung um 10 % (15 Mio. €):
- Frage 1 (Gewinnsteigerung €):
150 Mio. € · 10 % = 15 Mio. € (Neuer Gewinn = 9 + 15 = 24 Mio. €).
- Frage 2 (Anstieg Umsatzrentabilität):
UR Neu = 24 Mio.300 Mio. = 8 %. Anstieg = 8 % − 3 % = +5 %-Punkte.
- Frage 3 (Benötigter Mehrabsatz für denselben Effekt):
GewinnzuwachsGewinn Alt = 15 Mio.9 Mio. = 1,6667 → +166,67 % mehr Umsatz erforderlich!
Auswirkungen auf die Kapitalrentabilität (DuPont-Treiberbaum, Seite 3)
Kapitalrentabilität = Umsatzrentabilität × Kapitalumschlag
- 1. Umsatzrentabilität (GewinnUmsatz):
Gewinn = Umsatz − Selbstkosten. Selbstkosten = Sonstige Kosten + Materialkosten → Hebel: Einstandskosten & Bestellkosten senken!
- 2. Kapitalumschlag (UmsatzGebundenes Kapital):
Gebundenes Kapital = Anlagevermögen + Nettoumlaufvermögen → Hebel: Vorratshaltung & Bestände reduzieren!
Bereitstellungskonzepte & Lager-Strategien
• Local Content: Verlagerung von Wertschöpfung direkt in die Absatzmärkte.
• Low-Cost-Countries: Nutzung von Kostenvorteilen aus globalen Beschaffungsmärkten.
• Vorleistungsquote steigt: Spezialisierung der Unternehmen führt zu sinkender Eigenleistung. Outsourcing umfasst zunehmend komplexe, technologieintensive Produkte.
Die 3 klassischen Bereitstellungskonzepte
1. Auftragsbezogene Beschaffung (Pulled based)
Beschaffung erfolgt erst bei spezifisch vorliegendem Bedarf / Kundenauftrag.
- Vorteile: Vermeidung von Lagerkosten.
- Nachteile: Material muss sofort nach Wareneingangskontrolle verwendet werden; eingeengter Beschaffungsraum (Zeit/Preis); erfordert kurze Lieferzeiten & hohe Termintreue → hohe Unsicherheit.
- Typische Anwendung: Einzel-/Spezialanfertigungen, A-Teile (ABC), Z-Teile (XYZ).
2. Vorratsbeschaffung (Vorrat)
Bewusste Lager- und Bestandsbildung als Puffer.
- Vorteile: Entkopplung der Beschaffung von der Produktion (Sicherung Materialverfügbarkeit, optimale Produktionslose); Entkopplung vom externen Markt (bessere Einkaufskonditionen, optimale Bestellmengen).
- Nachteile: Hohe Lagerkosten, Kapitalbindung, Bedarfsfläche, Schwund.
- Typische Anwendung: C-Teile (ABC), Teile mit wenig Kapitalbindungskosten, X-Teile (XYZ).
3. Just in Time (JiT)
Beschaffung exakt nach Produktionsplan (produktionssynchron). Idealzustand = bestandslose Fertigung.
- Vorteile: Bestandslos, keine Lagerkosten, produktionssynchron.
- Nachteile: Hohes Risiko bei Produktionsausfall, extreme Abhängigkeit von Lieferanten, extreme Vorausplanung.
- Gründe / Ziele: Wettbewerbsdruck, steigende Variantenanzahl, kürzere Produktlebenszyklen, nachfragegenaue Synchronisation.
- Typische Anwendung: A-Teile (ABC), X-/Y-Teile (XYZ), meist Zulieferteile/Komponenten/Module.
Lagerhaltige vs. Lagerlose Beschaffung
Lagerhaltig
• AMI (Buyer Managed Inventory): Käufergeführtes Lager.
• SMI (Supplier Managed Inventory): Lieferantengeführtes Lager (Lieferant füllt selbstständig auf).
Lagerlos
• JiT (Just in Time): Zeitraumgenau (Warehouse on wheels).
• JiS (Just in Sequence): Reihenfolgegenau (bereits im LKW sortiert angeliefert).
ABC-Analyse & XYZ-Analyse
ABC-Analyse (Einteilung nach Kostenstruktur)
- A-Güter: Hoher Wertanteil (
60 − 80 %), niedriger Materialartenanteil (ca. 10 − 20 % der Positionen).
- B-Güter: Mittlerer Wertanteil (
10 − 30 %), mittlerer Materialartenanteil (ca. 20 − 30 % der Positionen).
- C-Güter: Niedriger Wertanteil (
< 10 %), hoher Materialartenanteil (60 − 80 % der Positionen).
Vier Schritte der ABC-Analyse:
1. Erfassung von Menge und Preis → Wert absolut = Menge · Preis und Wert relativ = (Wert absolutSumme Wert) · 100.
2. Vergabe der Rangziffern absteigend nach Wertanteil.
3. Klassenbildung (A, B, C) nach kumuliertem Gesamtwert.
4. Grafische Darstellung als Lorenzkurve (x-Achse: Materialartenanteil, y-Achse: Wertanteil).
Rechenbeispiel ABC-Analyse (Pearson Studium / Seite 7)
Tabelle mit 16 Rohstoffen (Gesamtwert = 656.770 €). Vorgabe: A=70 %, B=22 %, C=8 %:
| Rang |
Rohstoff |
Menge (t) |
Preis (€/t) |
Wert Absolut |
Wert Rel. |
Kumuliert |
Klasse |
| 1 | Mehl | 300 | 700 € | 210.000 € | 31,97 % | 31,97 % | A (18,75% Art) |
| 2 | Eier | 33 | 6.200 € | 204.600 € | 31,15 % | 63,13 % |
| 3 | Butter | 16 | 3.400 € | 54.400 € | 8,28 % | 71,41 % |
| 4 | Marmelade | 21 | 2.500 € | 52.500 € | 7,99 % | 79,41 % | B (25% Art) |
| 5 | Käse | 6 | 7.150 € | 42.900 € | 6,53 % | 85,94 % |
| 6 | Kürbiskerne | 22 | 1.550 € | 34.100 € | 5,19 % | 91,13 % |
| 7-16 | Tomaten, Zucker, Vanille, Nüsse, Rosinen, Schinken, Powidl, Topfen, Muskat, Salz | - | - | 58.270 € | 8,87 % | 100,00 % | C (56,25% Art) |
XYZ-Analyse (Einteilung nach Verbrauchsstruktur)
- X-Teile: Konstanter Verbrauch, hohe Vorhersagegenauigkeit → Varianzkoeffizient v ≤ 20 %.
- Y-Teile: Mittlere Schwankungen (saisonal/trendförmig), mittlere Vorhersagegenauigkeit → v = 21 − 50 %.
- Z-Teile: Völlig unregelmäßiger Verbrauch, niedrige Vorhersagegenauigkeit → v > 50 %.
Mathematische Formeln der XYZ-Analyse:
1. Durchschnitt (x̄): x̄ = 1n · ∑ xi
2. Varianz (s²): s² = 1n · ∑ (xi − x̄)²
3. Standardabweichung (s): s = √s²
4. Varianzkoeffizient (v): v = sx̄
Beispiel Butter (Seite 8): 10 Monate 1,4 t, Nov 1,0 t, Dez 1,2 t.
• Durchschnitt x̄ = 1,33 t (bzw. 16/12)
• Varianz s² = 0,0222
• Standardabweichung s = √0,0222 ≈ 0,149 t
• Varianzkoeffizient v = 0,1491,33 ≈ 0,112 = 11,2 % → X-Teil!
ABC-XYZ Kombinationsmatrix (Bereitstellungskonzepte)
| Klasse |
A-Teile |
B-Teile |
C-Teile |
| X-Teile |
JiT (Just in Time) |
Vorrat |
Vorrat |
| Y-Teile |
Vorrat |
JiT / Vorrat |
Vorrat |
| Z-Teile |
Auftrag |
Vorrat / Auftrag |
Vorrat |